Offen queer* auf dem Land – eine dauerhafte Zumutung?

Queer sein und auf dem Land leben. Das klingt für die meisten nur wie eine erschreckend herausfordernde Vorstellung, doch ist für viele – vor allem queere Jugendliche – bittere Realität. Der Mangel an Jugendeinrichtungen, in denen sich speziell LGBTQIA+ Personen treffen und austauschen können, gehören quasi zum guten Ton der Gemeinden und Kleinstädte.

Schwul und Dorfkind – das passt einfach nicht zusammen. So geschieht es, dass sich die meisten derer, die nicht der Heteronormativität entsprechen, möglichst zügig nach Abschluss der Schullaufbahn von ihren Geburtsstätten, oft für immer, verabschieden. Ich bin eine von Ihnen. Nur eine lesbische cis* Jugendliche, die sich dazu entschloss die Koffer zu packen und mit 18 in eine nächst größere Stadt zu verschwinden, um in der Masse endlich untergehen zu können, ohne sich selbst verstecken zu müssen.

Wenn ich mich an queere Persönlichkeiten aus meinem damaligen Umfeld erinnere, denke ich sofort an eine offen lesbisch lebende Pfarrerin aus der evangelischen Gemeinde meiner Heimatstadt. Sie leitet, bekannt wie ein bunter Hund, jedes Jahr zur Weihnachtsmesse den ökumenischen Gottesdienst an meiner Schule. Doch auch wenn ich kein großer Fan jeglicher kirchlicher Institution war und es auch heute nicht bin, muss ich dieser Frau meinen größten Respekt aussprechen. Sie ist ein Vorbild, dabei lebt sie nur ihr ganz normales Leben, in einer ganz normalen deutschen Kleinstadt. Sie hat dennoch großen Mut – den hatte ich auch. Vor allem meinem nahen Umfeld verdanke ich, dass mir dieser Mut nicht kleingeredet wurde. Doch trotzdem „musste ich daraus“ – mir fehlte etwas. Wenn ich heute darüber nachdenke, waren es wohl dennoch eher gesellschaftliche Zustände, die mir zu viel geworden sind.

Veränderungen geschehen nicht durch Verdrängungen. Betrachten wir unsere kleine Heimatgemeinde wie eine eigenständige Persönlichkeit, bestehend aus diversen Menschen, mit diversen Gefühlen und Ansichten. Diese Persönlichkeit kann sich verändern, man muss nur mit ihr kommunizieren, sie aufklären und ihr einen Ort für Gespräche geben. Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind, egal in welcher Region des Landes und der Welt, sexuell und geschlechtlich divers – das ist Fakt. Mit dieser Information muss umgegangen werden. Wer darauf reagiert und Raum für Austausch bietet, wird auch Dankbarkeit erfahren. Ich denke da an meinen jüngeren Bruder, an ihn von damals. Mein Bruder hatte, als offen geouteter schwuler cis Jugendlicher, den viel größeren Kampf mit Beschimpfungen und Vorurteilen gegen seine Person. Ich würde ihn als einen der genügsamsten, respektvollsten und mit sehr viel Bedacht auftretenden Menschen beschreiben. Das hat das dörfliche Umfeld genauso gesehen – bis zu seinem Outing. Die 180 Grad Wende erscheint mir als äußerst passende Beschreibungsmöglichkeit für die Einstellung und das Verhalten mancher Menschen, wenn sich eine queere Person ihres Umfeldes outet.

Doch sind diese Zustände wirklich nötig? Oder leiden die weniger besiedelten Regionen unseres Landes nur unter einer vorurteilsbehafteten Welt, die sie ebenso verurteilt, wie es manche queere Menschen immer noch werden? Müssen wir den ländlichen Gesellschaften nur mehr zutrauen, um sowohl Missstände als auch Missverständnisse zu verhindern? Vielleicht ist Kommunikation hier ein Weg gegen das Problem der flüchtenden Jugendlichen aus der vermeintlichen Bigotterie ihrer Geburtsstätte.  

– Marie (sie)

*queer: Dinge, Handlungen oder Personen, die durch oder als Ausdruck einer sexuellen oder geschlechtlichen Identität von der gesellschaftlichen Cis-Heteronormativität abweichen.

*cis: bezeichnet die Übereinstimmung von Geschlechtsidentität und dem Geschlecht, das einer Person bei der Geburt zugewiesen wurde, meist beurteilt anhand sichtbarer körperlicher Geschlechtsmerkmale.
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